architectural tuesday | Nils Nolting | Nachbericht

Im dritten Vortrag der „architectural tuesday“ – Reihe „Zerstöre mit Freude! – Über die (Un-)Möglichkeit nachhaltigen Bauens“ stellte der Architekt Nils Nolting seine Konzepte und Projekte nachhaltigen Bauens vor, welche er mit seinem Büro Cityförster seit 2005 verwirklicht.

Nils Nolting ist ein junger Architekt aus Hannover, welcher nach seinem Studium an der Leibniz Universität Hannover und der Arkitekthøgskolen Oslo mit einigen seiner Kommilitonen das Büro Cityförster gründete. Ein besonderer Schwerpunkt des Büros liegt im experimentellen, ressourcen- und recyclinggerechten Bauen. In seinem Vortrag mit dem Titel „design by availability“ vermittelt er den Ansatz des Büros, die Architektur eines Gebäudes an die Verfügbarkeit von Fläche und Material anzupassen.

Nochmal anschauen:

„design by availability“
Vortrag vom 30. November 2021 im Rahmen des architectural tuesdays

Als erstes beginnt der mehrfach national ausgezeichnete Architekt jedoch mit den Gründen, wieso überhaupt ein Umdenken im Bausektor notwendig ist.

Zur Erreichung der Klimaziele muss die CO2-Emission in den kommenden Jahren drastisch reduziert werden. Besonders der Gebäudesektor kann dazu einen großen Teil beitragen, denn er ist EU-Weit verantwortlich für 50% des Ressourcenverbrauchs sowie 50% des Energieverbrauchs und produziert jede Menge CO2. Besonders der Neubau von Gebäuden hat einen erheblichen Einfluss auf den Gesamtenergiebedarf des Gebäudesektors. Da jedoch Neubauten notwendig sind muss versucht werden, die graue Energie beim Neubau durch beispielsweise nachwachsende, recycelte oder wiederverwendete Bauteile zu reduzieren.

Um seine Ideen und Ansätze zu verdeutlichen, präsentiert Nils Nolting vier unterschiedliche Projekte, in denen verschiedene Ansätze zur nachhaltigen Bauweise von Gebäuden verdeutlicht werden.

THE RUBBER HOUSE

Bei dem 2011 fertiggestellten Rubber House handelt es sich um eines der ersten Projekte des Büros. Der Plan war eine Fassade aus Gummiförderbändern zu fertigen und ihnen somit eine neue Funktion zu geben. Allerdings musste am Ende doch auf EPDM-Gummi als Fassadenmaterial zurückgegriffen werden, da die Förderbänder nicht den bauphysikalischen Bauvorgaben entsprachen.

Auch sonst konnte das Ziel, das Gebäude als Recyclinghaus zu bauen, damals aufgrund der Wünsche des Bauherrn und der gesetzlichen Lage nicht in Gänze umgesetzt werden.

Das Rubber House (Visualisierung aus dem Vortrag)

Nolting beschreibt das Projekt dennoch als gutes Lernprojekt, bei dem sich zeigte, dass die Umsetzung eines Recyclinghauses viel Planung, genaue Recherche und oft auch Überzeugungsarbeit bedarf. Was dennoch bei diesem Gebäude umgesetzt wurde, waren die Einfachheit im Grundriss und die überschaubare Grundfläche. Das Büro sieht Einfachheit und kleine Räume nicht als Schwäche oder Beschränkung an, sondern als Chance und Möglichkeit Ressourcen zu sparen.

DAS RECYCLINGHAUS

Was bei dem Rubber House noch nicht funktionierte, erreichte das Büro Cityförster bei diesem Projekt nun jedoch in vollem Maße: Für das Recyclinghaus in Hannover kamen ausschließlich recycelte und/oder recyclingfähige Materialien zum Einsatz und wurden in recyclinggerechter Bauweise zusammengefügt.

Der Ansatz des Architekturbüros „design by availability“ wurde vollends erfüllt.

Das Recyclinghaus (Visualisierung aus dem Vortrag)

Neben dem Einsatz von rezyklierten und recyclebaren Material war zudem die lokale Beschaffung der Materialien ein Ziel des Entwurfs. Außerdem sollte auf der Baustelle kein Müll entstehen, sondern Reste direkt auf der Baustelle wieder eingesetzt werden (Stichwort Materialkreisläufe). Einige verbaute Materialien fasst Nolting in seinem Vortrag zusammen: Recyclingbeton für die Gründung, leimfreie Massivholz-Wände für den Rohbau, Faserzementplatten und Profilbaugläser als Fassade, alte Betongehwegplatten als Estrich, Messebauplatten für den Innenausbau. Materialreste wurden zur Freiraumgestaltung im Garten verwendet.

Das Gebäude gewann den Sonderpreis Nachhaltigkeit beim Deutschen Fassadenpreis 2020.

ECOVILLAGE

Als letztes geht Nils Nolting noch kurz auf ein derzeit laufendes städtebauliches Projekt ein, das Ecovillage:

In Hannover wird von Cityförster ein neues Baugebiet nach dem Leitbild der Suffizienz geplant. Besondere Merkmale des Quartiers sind: Autofreiheit im Quartier, Bau der Häuser in ökologischer Bauweise aus Holz, Platzeinsparungen durch Teilen vieler Funktionen (Co-Working, Gemeinschaftsräume und -gärten) sowie eine Reduktion der Wohnfläche pro Person.

 

Ecovillage (Visualisierung aus dem Vortrag)

Am Ende seines Vortrags beantwortet Nils Nolting noch Fragen aus dem Publikum und dem Zoom-Chat. Er beteuert, dass Ansätze zum nachhaltigen Bauen zwar nicht immer leicht und besonders am Anfang für den Architekten und Bauherrn oft wenig profitabel sind, es sich allerdings lohnt diesen Weg weiter zu gehen um eine zukunftsweisende Architektur zu erschaffen. Zudem sei ein Wandel hin zu nachhaltigem Bauen bei den Bauherren erkennbar, sodass in Zukunft hoffentlich mehr Projekte mit diesem Ansatz realisiert werden.