was übrig bleibt
Ein Gebäude hat nicht die eine Lebensdauer. Vielmehr haben seine Teile, haben die in ihm verbauten Materialien und Komponenten unterschiedlich lange Lebensdauern. Soll das Ganze erhalten werden, ist es in der Regel notwendig, punktuelle Eingriffe vorzunehmen und Elemente auszutauschen. Die mit Blick auf die Reparatur von Bauten und die Reparaturfähigkeit ihrer Komponenten oft bemühte Analogie zur Care-Arbeit ist hier eine hilfreiche Analogie.
Auch der Umkehrschluss gilt: Ist das Ganze nicht mehr in Gebrauch, so bedeutet das noch lange nicht, dass deshalb auch seine Teile obsolet seien.
Für die Architektur ist all das nicht neu. An jahrhundertealten Gebäuden zeigen Spolien – also wiederverwendete Bauteile aus älteren Bauwerken – besonders deutlich, dass Weiter- und Wiederverwenden, kreatives Aneignen und Umschreiben in der Architektur auf eine lange Tradition zurückblicken.
Mit den Wellen der Urbanisierung und dem Fortschrittsglauben der Moderne änderte sich das grundlegend. Die Bauproduktion wurde in ungeahnte Höhen geschraubt. Der Hausbau entwickelte sich zunehmend zu einer Art Industrieproduktion, für die immer mehr Material verbraucht wurde. War der wirtschaftliche Druck nur groß genug, so wurden die Bauten oft von einer neuen Modernisierungswelle erfasst und ihrerseits abgerissen.
In den Boomjahren mag das noch sinnvoll gewesen sein, und in jedem Fall gehorcht stetiger Wechsel der noch heute dominanten Marktlogik schneller Obsoleszenz: Je schneller Dinge altern (oder als alt empfunden werden), desto schneller können neue verkauft werden. Was aber passiert mit den von Erneuerungswellen erfassten, nicht mehr benötigten Dingen? Was geschieht mit ihnen, sobald sie ihre physische – oder auch nur ihre wirtschaftliche – Lebensdauer überschritten haben? Können sie im Kreislauf gehalten und neuen, vielleicht banalen, vielleicht kreativen Verwendungen zugeführt werden? Oder scheiden sie aus dem Prozess aus und werden zu Abfall?
