Shanghai Praktikum Sommersemester 2018 | Nachbericht

Shanghai – crazy – overwhelming – ridiculous

Mit diesen drei Worten habe ich Shanghai betitelt, als mich eine gute Freundin am letzten Abend meines Aufenthaltes fragte, wie ich diese Millionen Metropole beschreiben würde.

Fangen wir jedoch zu Beginn meines dreimonatigen Praktikumaufenthaltes in Shanghai an. Ende März 2018 habe ich mich in Frankfurt in den Flieger gesetzt und erreichte 11 Stunden später die mir bis dato völlig fremde Megacity Shanghai. Bereits auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt boten sich mir die überdimensionalen Ausmaße dieser 24 Millionen einwohnerstarken Weltstadt. Hochhaus an Hochhaus reihten sich aneinander bis in weiter Ferne die berühmte Skyline von Shanghai erkennbar wurde.

Eben diese, aus Touristenführern bekannte Stadtsilhouette, sollte für die kommenden drei Monate mein täglicher Büroausblick sein.

Büroausblick

Am Ersten Tag habe ich mich zunächst mit meinen Arbeitskollegen und den Projekten des Büros vertraut gemacht. Für das Büro Engineering Consulting Services GmbH (ECS)  arbeiten ca. 80 Mitarbeiter, die hauptsächlich auf nationaler, städteplanerischer Ebene agieren. Die Projekte reichen von großräumigen Quartierplanungen, bis zur Umnutzung ehemaliger Industriehallen zu Hotelanlagen. Der Mitarbeiterstab lässt sich in vier Bereiche gliedern: urban planing, architecture, design department und das office management.

In den drei Monaten meines Aufenthaltes habe ich das 10 köpfige Architekturteam in der Entwurfsphase bei sechs Projekten unterstützen dürfen. Im Vergleich zu meinen bisherigen Berufserfahrungen in deutschen Architekturbüros verlaufen die Entwurfsphase und die Abwicklung der Projekte in einem deutlich rasanteren Arbeitstempo. Verschiedene Entwurfsvarianten wurden mittels Sketch Up entwickelt und im Anschluss durch das Design Team zu sehenswerten Renderings verarbeitet. Im weiteren Verlauf wurden gemeinsame Präsentationen  erstellt, die von meinen Teamleitern überarbeitet und im Anschluss dem Kunden präsentiert wurden. 

Viele Projekte werden durch die Regierung beauftragt, wie z. B landesweite, flächendeckende Stadtsanierungen und –erweiterungen. Die Präsentationen dieser Projekte erfolgen in den jeweiligen Stadtrathäusern, national über China verteilt. Im Zuge meines Praktikums hatte ich das Glück, auf zwei solcher Business Trips mitfahren zu dürfen. Es handelte sich um Projeke in den Städten Dushan mit 300.000 Einwohnern in der Provinz Guizhou im Süden Chinas sowie Yingtan mit 200.000 Einwohnern in der Provinz Jiangxi im Südosten Chinas. Zunächst wurden uns im Zuge dessen große Stadtbereiche gezeigt, die im Laufe der kommenden 5 bis 10 Jahre einer Stadterweiterung unterzogen werden sollen.

Megacities wie Peking im Norden, Shanghai im Nordosten, sowie Hongkong im Süden Chinas (Sonderwirtschaftszone), bilden die bereits am weitesten entwickelten Metropolen des Landes, die jährlich Millionen von Touristen anziehen. Die genannten Städte sind auf sämtlichen Ebenen international konkurrenzfähig und daher für ein multikulturelles Publikum attraktiv.

Jedoch weist China unzählige einwohnerstarke Millionen Städte auf, deren Industriezweige veraltet und im Vergleich zu den heutigen technischen Möglichkeiten um einige Jahre zurück liegen. Aufgrund dessen plant das Büro ECS große Stadtgebiete, welche aus Industriegebieten, Wohnanlagen und Touristenressorts bestehen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, die in der Planung berücksichtigt und im Verlauf der Projekte nutzerspezifisch angepasst werden müssen.

Zunächst werden die Stadtgebiete partiell unterteilt. Verschiedene Nutzungsbereiche werden nach Vorgaben der Städte angelegt und durch infrastrukturelle Vernetzungen miteinander zu einem städtischen Gesamtgefüge vereint. Im Anschluss werden die Parzellen durch das Architekturteam weiterentwickelt. Gebäudekomplexe werden entworfen und nach den Wünschen und Vorstellungen der Städte angepasst. Je nach Umfang der Projekte  ist die Arbeit des Büros damit zunächst abgeschlossen, da die Städte und Gemeinden eine Art Handlungskonzept an die Hand bekommen, auf deren Basis die Stadtentwicklungen fortgeführt werden können.

Durch die Reisen, an denen ich teilnehmen durfte, habe ich einen kleinen Einblick in die landesweiten Stadtsanierungsprojekte erhalten können. Aus Dokumentationen und Printmedien waren mir diese flächendeckenden Stadterweiterungen, die in China landesweit durchgeführt werden, bereits vor meinem Praktikum bekannt, jedoch war es besonders spannend und auch frappierend, diese rasanten Entwicklungen aus erster Hand erfahren zu dürfen. Man sollte diese Sanierungsmaßnahmen auch kritisch betrachten, insbesondere aufgrund der großen Ausmaße der Sanierungen, bei denen viele landestypische Gebäude, die einen wichtigen Teil der chinesischen Kultur bilden, verloren gehen. Beispielhaft zu nennen sind dabei z.B. die in Peking weit verbreiteten Hofhaustypen, die sogenannten „Hutongs“. Diese Hofanlagen waren  im Allgemeinen umsäumt von 3-4 m hohen Mauern, rhythmisch unterbrochen von kleineren oder pompöseren Eingängen mit geschwungenen Dächern und verzierten Dachziegeln. Diese Wohnform ermöglichte ein kommunikatives gemeinschaftliches Wohnen. Im Zuge der Stadtsanierungsmaßnahmen wurden großflächige Hutong Wohnanlagen abgebrochen und durch Hochhäuser und Stadtautobahnen ersetzt. Aufgrund dessen ist ein Großteil dieser ortstypischen Wohnform in Peking zerstört worden.

Für den Bau von Industriegebieten werden so unter anderem landwirtschaftliche Flächen innerhalb der Stadtgebiete versiegelt und verlagert, um Raum für wirtschaftlich rentablere Industrieanlagen zu schaffen.

Ebenso wie der beschriebene Verlust landestypischer Architektur, ist auch die Versiegelung natürlicher Bereiche kritisch zu bewerten.

Landestypische Reisfelder müssen Industrieanlagen weichen und werden versiegelt

In China ist es üblich, dass auch an den Wochenenden gearbeitet wird. Da ich jedoch die Freiheiten eines Praktikanten genießen durfte, habe ich innerhalb der drei Monate ausschließlich an zwei Wochenendtagen aus kollegialen Gründen ein gemeinsames Projekt mit meiner Arbeitsgruppe vorangetrieben, da die Abgabe des Projekts nahte.

Somit konnte ich die restlichen Wochenenden nutzen, um die Millionen Stadt Shanghai, sowie angrenzende Kulturstädte auf sämtlichen Ebenen zu erkunden. Die Stadt hat kulturell und kulinarisch unglaublich viel zu bieten. Zahlreiche namenhafte Architekten haben sich durch ihr Schaffen von Museen, Konzerthäusern etc. im Stadtgebiet verewigt. 

Maritim Museum am Dishui See, geplant von gmp Architekten

Dabei ist es spannend, unterschiedliche Stadtgebiete zu erkunden. Selbstverständlich sind die bekannten Wolkenkratzer beeindruckende Touristenziele, jedoch bilden gerade die kleinen lokalen Stadtgebiete wie z.B. die Französische Konzession, das komplette Gegenteil der modernen Hochhäuser. Die Französische Konzession wurde 1849 von französischen Geschäftsleuten und Händlern gegründet, die sich dauerhaft in Shanghai niederließen. Die Konzession bildete einen autonomen Bezirk, in dem die Gesetze Chinas nicht galten. Heute erinnern von Platanen gesäumte Alleen, koloniale Wohngebäude und zahlreiche Restaurants an das Flair vergangener Tage. Große Bereiche sowie viele Einzelgebäude dieses Stadtgebietes stehen unter Denkmalschutz. Die Gebäude weisen im Gebäudeinneren die erhaltenswerte Originalsubstanz auf und versprühen einen besonderen Charme. Die prächtigen Stadtvillen hinter verschlossenen Toren dienen bis heute wohlhabenden Geschäftsleuten als innerstädtische Wohnanlage. Öffentlich zugängliche Gebäude beherbergen kleine Restaurants, Bars und Modeläden. Diese werden hauptsächlich von der ortsansässigen internationalen sowie landeseigenen Bevölkerung genutzt, sodass im Vergleich zu den Hotspots, wie der bekannten Uferpromenade von Shanghai, keine Touristenmassen zu beobachten sind.

Impressionen der französischen Konzession

Zudem habe ich mit Freunden einen Wochenendausflug in die bekannten Städte Hangzhou und Suzhou unternommen. Beide Städte sind mit dem Schnellzug innerhalb von zwei  Stunden aus Shanghai zu erreichen. Aufgrund vieler historischer Legenden und der beeindruckenden Naturlandschaft, sind diese Städte besonders landestypische Ausflugsziele. Dementsprechend sind die berühmten Tempel- und Gärtenanlagen, hauptsächlich mit landeseigenen Touristen, ganzjährlich besonders fequentiert. Jedoch  sind die Chinesen allgemein als ,,Spätaufsteher‘‘ bekannt, sodass der frühe Fuchs belohnt wurde.

Impressionen aus Hangzhou und Suzhou

An dieser Stelle möchte ich zudem die enorme Gastfreundlichkeit meiner chinesischen Kollegen und Freunde hervorheben. Vom ersten Tag meines Aufenthaltes bin ich herzlich aufgenommen und im Laufe der drei Monate immer stärker in die Projektarbeit integriert worden. Auch außerhalb des Büros haben wir viele gemeinsame Abendessen in feuchtfröhlichen Runden verbracht und die in China enorm wichtige Esskultur ist mir dadurch näher gebracht worden. xièxie !

Kulinarische Köstlichkeiten

Der technische Vorsprung Chinas ist in Shanghai alltäglich spürbar. Sämtliche Einkäufe können online oder an der Kasse über eine entsprechende App per Handy bezahlt und verfolgt werden. Gemeinsame Restaurantrechnungen können vor Ort auf die anwesenden Teilnehmer aufgeteilt und elektronisch bezahlt werden. Diese Entwicklung ist in Ihren Grundzügen, insbesondere vor dem Hintergrund der Datenspeicherung und des Datenschutzes kritisch hinterfragbar. Jedoch habe auch ich während meines Aufenthaltes diese Dienste genutzt und war von der einfachen Bedienung überzeugt. Selbst Schirmverkäufer, die bei schlechtem Wetter spontan Regenschirme unter die Touristen bringen, haben einen persönlichen QR-Code. Dieser wird eingescannt, der entsprechende Produktpreis wird vom Käufer eingegeben und der Einkauf wird elektronisch abgeschlossen.

Shanghai gilt als eine der florierensten Metropolen dieser Erde. An allen Ecken und Enden dieser Stadt wird gebaut, Gebäude werden abgerissen oder umgenutzt. Der Umbruch innerhalb des gesamten Landes ist in Shanghai täglich erlebbar und wird bis über dessen Tragfähigkeit hinaus ausgereizt. Mich hat diese unglaubliche Vielfalt überwältigt, die nicht nur in der internationale Architekturausprägung spürbar ist. Auch die unglaubliche kulinarische Vielfalt ist beeindruckend. Zahlreiche kleine versteckte Restaurants bieten für kleines Geld schnelles, einfaches und regionales Essen. Jedoch kann man bei genauerer Suche auch französchen Küchenchefs über die Schulter schauen und für angemessene Preise speisen.

Eben diese unglaubliche Vielfalt ist im Alltag in allen Lebenslagen spürbar. Protzkarossen fahren durch die Straßen, gefolgt von einfachen Karren, mit denen auf fast künstlerischer Art und Weise großen Mengen von Waren, wie z. B. unzählige Stühle, transportiert werden.

Aufgrund meiner beschriebenen Erfahrungen, die ich im Zuge meines Praktikumsaufenthaltes erlebt habe, möchte ich abschließend auf die Überschrift Shanghai – crazy- overwhelming-ridiculous zurück kommen. Innerhalb des kurzen Zeitraums von drei Monaten habe ich durch meine Reisen verschiedene Landesregionen und deren spezifische Ausprägungen kennen lernen dürfen. Durch meine tägliche Mitarbeit im Büro, wurden mir die städtebaulichen teils visionären Konzepte näher gebracht, wie sie in Zukunft in Teilen des Landes möglicher Weise umgesetzt werden können. Dabei habe ich gegensätzlichste bis verrückte Situationen erlebt, die mich insgesamt überwältigt und einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben.

Skyline

Text und Bilder: Benjamin Rösgen