15.12.26
Prof. Dr. Michael Heinzelmann

Vortrag
‚Bauen im Bestand‘ und Kreislaufwirtschaft in der Spätantike – oder: vom Zwang zu Innovation und Nachhaltigkeit in Krisenzeiten
Als Höhepunkte römischer Architektur gelten üblicherweise die kaiserlichen Monumentalbauten in Rom, wie z. B. das Kolosseum, das Pantheon oder die berühmten Caracalla-Thermen. Dabei wird häufig übersehen, dass diese Form des Bauens nur durch eine rücksichtslose Ausbeutung von Umwelt und Menschen möglich war, wie sie nach heutigen Maßstäben nicht mehr vertretbar wäre. Demgegenüber erzwingen in der nachfolgenden Spätantike vielfältige Krisen und Ressourcenknappheit im Bauwesen eine grundlegende Neuausrichtung: technische Innovationen, ‚Bauen im Bestand‘ und eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft werden zu zentralen Paradigmen spätantiker Architektur. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur erstaunlichen Resilienz dieser lange als ‚dekadente Niedergangsphase‘ des Römischen Reichs geschmähten Epoche. Kann sie uns gar als Vorbild dienen?

vita
über Prof. Dr. Michael Heinzelmann
Michael Heinzelmann ist Professor für Klassische Archäologie an der Universität zu Köln, womit er sich als solcher vor allem der archäologischen Erforschung antiker Kulturen des Mittelmeerraums widmet.
Nach einem Studium in Freiburg, Heidelberg, Köln und München wurde er 1996 in München mit einer Dissertation zu den Nekropolen von Ostia, der antiken Hafenstadt Roms, mit summa cum laude promoviert. Als zusätzliche Auszeichnung erhielt er das Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts, das ihm eine einjährige Studienreise in alle Länder des Mittelmeerraums ermöglichte. Es folgten verschiedene Zwischenstationen: Zunächst war er für sechs Jahre in Rom als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Archäologischen Institut mit verschiedenen Forschungsprojekten in Rom und Ostia beschäftigt. Danach folgten Tätigkeiten an der Kommission zur Erforschung des antiken Städtewesens an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München sowie eine Assistenz am Fachbereich Architektur der Universität Darmstadt. Hier habilitierte er sich 2004 mit einer Arbeit zur Urbanistik von Ostia. Im selben Jahr wurde er zum Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumskunde im Heiligen Land mit Sitz in Jerusalem gewählt, von wo er 2005 auf eine Professur für die Archäologie des Mittelmeerraums nach Bern in die Schweiz wechselte. Schließlich erfolgte 2008 die Berufung auf den Lehrstuhl für Klassische Archäologie am Archäologischen Institut der Universität zu Köln, wo er bis heute tätig ist.
Die Forschungsinteressen von Herrn Heinzelmann sind breit gelagert. Zeitlich konzentrieren sie sich auf die Römische Kaiserzeit und die Spätantike, also den Zeitraum zwischen dem 1. Jh. v. Chr. und dem 7. Jh. n. Chr. Dabei behandelt er sehr unterschiedliche Themenbereiche: Neben der bereits erwähnten Bestattungskultur ist es vor allem die Siedlungs- und Landschaftsarchäologie, die ihn seit vielen Jahren mit zahlreichen Feldforschungen in unterschiedlichen Regionen des Mittelmeerraums aktiv werden lässt. Aktuell leitet er drei größere Ausgrabungsprojekte in Israel, Italien und Spanien.
Einen weiteren Interessenschwerpunkt bilden antike Urbanistik und Architektur. Die Forschungen reichen dabei von konkreten Fallstudien zur Baugeschichte und Rekonstruktion einzelner Gebäude (z. B. dem Pantheon in Rom), über sozialhistorische Fragestellungen (z. B. dem antiken Mietwohnungsbau), bis hin zu Untersuchungen zur römischen Bauwirtschaft mit Fragen zu Bauprozessen und der Berechnung von Material- und Arbeitszeitaufwänden. Sein jüngstes Projekt fokussiert auf die römische Ziegelarchitektur und -industrie mit dem Ziel einer ganzheitlichen ökonomischen und ökologischen Bilanzierung dieser Bauform.